Filière Bilingue: Vertretbare Nebenwirkungen?

Die zweisprachige öffentliche Volksschule ist attraktiv für Schweizer Eltern. Besonders viele gut verdienenden Eltern möchten ihre Kinder in die Filière Bilingue schicken und dafür nach Biel ziehen. Warum soll also dieses attraktive Bieler Produkt nicht verkauft werden? Weil es Nebenwirkungen hat. Weil die gemeinsame Bildung aller für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft sehr wichtig ist.

Das Postulat zur Filière Bilingue lenkt den Blick vom Diamanten der zweisprachigen Klassen auf seine Wirkung auf die andern Schulen. Warum die Sorge um sie begründet ist und was untersucht werden muss.

Wenn die Filière Bilingue nachhaltig attraktiv sein soll, dann müssen wir sie auf ein moralisch einwandfreies Fundament stellen. Es genügt deshalb nicht, die positive Diskriminierung auszuschliessen, wie es der Gemeinderat tut, wenn er schreibt: „Es gibt keine Kriterien, die fremdsprachige Kinder von der Aufnahme in die Filière Bilingue ausschliessen.“ (Antwort des Gemeinderates auf das Postulat 20140159 vom 19.12.14) Nach heutigem Informationsstand stimmt das nicht ganz, indem die Beherrschung einer beliebigen Sprache Voraussetzung ist und dieses Kriterium statistisch nach allen Informationen, die uns vorliegen, in der zugezogenen Bevölkerung hoch signifikant weniger häufig erfüllt ist als in der einheimischen. Deshalb kam auch Applaus aus den Reihen der SVP für die Filière Bilingue nicht ganz von ungefähr.

Sehen wir also darüber hinweg, dass nicht positiv diskriminiert wird, bleibt doch die Tatsache, dass die Auswahl eine Restschulproblematik zurücklässt, also negativ diskriminierend wirkt. Das kommt einerseits davon, dass die Existenz der Filière Bilingue auf die soziodemographische Zusammensetzung des Quartiers eine Auswirkung hat. Die Wirkungsketten die dazu führen sind bekannt: Als Vermieter oder Vermieterin bevorzugen Sie in der Regel einheimische Familien mit höherem Einkommen. Wenn sich diese vermehrt in ihrem Quartier um Wohnungen bemühen, entsteht eine höhere relative Dichte dieses Bevölkerungsteils. Zusammen mit den angewendeten Auswahlkriterien kommt es zur erwähnten negativen Diskriminierung.

Einfach gesagt: Die Schule verwandelt das Quartier, weil sie attraktiv ist. Gilt übrigens auch umgekehrt und ist eines der Hauptprobleme, die wir in Biel und der Agglomeration haben. Eines der grossen Tabus, wenn wir richtig hinsehen. Es spielt eine Rolle, wie wir mit unseren Schulen umgehen. Der Gemeinderat ist sich der Problematik bewusst, wie in der Antwort nachzulesen ist.

Selbstverständlich wurde ich vom Erziehungsdirektor auf unsere Eingabe angesprochen, er hat sich ja sehr positiv zur Filière Bilingue geäussert. Soweit ich ihn verstanden habe, teilt auch er die Ansicht, dass die angesprochene negative Diskriminierung untersucht und allenfalls kompensiert werden muss. Der Eindruck, ich würde mich gegen die zweisprachige Ausbildung wenden, ist grundsätzlich falsch. Der interkulturelle Dialog muss hier beginnen, wo zwei Kulturen eng zusammen leben. Die Zweisprachigkeit darf aber nicht zum Altar werden, auf dem grundlegende moralische Werte stillschweigend geopfert werden. Wir müssen uns trauen, nicht Rücken an Rücken zu leben, sondern voneinander zu lernen und einander auch herauszufordern, ohne in unüberbrückbaren Streit zu geraten.

Freude bereitet selbstverständlich die Tatsache, dass die Anliegen des Postulates im Rahmen der Evaluation wirkungsvoll und mit kleinem Aufwand aufgenommen werden. Als Schulrat der Pädagogischen Hochschule Bern bin ich auch überzeugt, dass die Evaluation die aufgebrachten Aspekte berücksichtigen wird.

In diesem Sinne danken wir dem Gemeinderat für die Aufnahme des Postulates und unterstützen ihn nach Kräften, die Zweisprachigkeit nachhaltig zu fördern.

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